Ganz allmählich gewöhnten unsere Augen sich an die Umgebung, und wir konnten gegenseitig unsere Umrisse ausmachen. Unser Volk war verzweifelt, am Boden zerstört. Niemand wusste, wie wir überlebt hatten. Ich wies die anderen an, ein Lager aufzuschlagen und sich warm zu halten, dann brach ich auf in Richtung der Ruine, die einst der Turm gewesen war.
Dort entdeckte ich die fünf empyrianischen Gebieter, die nach Norden gesandt worden waren, um Aion zu beschützen und den Turm zu halten. Diese unerschütterlichen Fünf, denen wir den Namen Schedimgebieter verliehen, hatten überlebt. Sie kehrten mit uns zu unserem Lager zurück und versuchten ihr Bestes, um zu erklären, was vorgefallen war. Sie verkündeten, dass unsere Welt sich unwiederbringlich geändert hatte. Die fatalen Folgen des gescheiterten Friedensschlusses hatten Millionen das Leben gekostet. Siel und Israphel, die beiden Wächter des Turms, hatten sich geopfert, um uns ein Weiterleben zu ermöglichen. Die beiden hatten einen schrecklichen Fehler begangen, doch ihr Tod war ehrenvoll gewesen, und so gedachten wir ihrer in andächtiger Stille.
Wir wussten, dass wir schnell vorgehen mussten, um weitere Verluste zu verhindern. Wir entfachten ein riesiges Signalfeuer, um weitere Überlebende herbeizurufen. In den nächsten Tagen fanden Tausende zu uns, schwer gezeichnet und völlig demoralisiert. Ich hatte das große Glück, meinen Sohn Phalaris unter den Überlebenden zu finden, doch sonst war niemand aus meinem Heimatdorf übrig geblieben.
Tage und Wochen vergingen. Unsere Welt, die in ihren Grundfesten erschüttert worden war, stabilisierte sich, und wir nahmen unser Schicksal wieder selbst in die Hand. Die Gegenwart unseres Gottes spürten wir jedoch nicht mehr, und wir waren der Überzeugung, dass Aion uns verlassen hatte und mit ihm der Äther, der uns unsere Kraft verliehen hatte. Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren fühlte ich mich verwundbar. Um mich nicht völlig der Angst zu überlassen, sprach ich mit Azphel und machte Pläne, um für uns alle eine neue Heimat zu gründen.
Mehrere hundert lange Jahre vergingen, und wir veränderten uns. Bald brauchten wir kein Feuer mehr, um Licht und Wärme zu spenden. Unsere Augen stellten sich auf die Dunkelheit ein, und unsere Körper wurden abgehärtet und kältebeständig. Wir errichteten eine prächtige Stadt, die wir Pandämonium nannten. Unser Volk blühte wieder auf und entwickelte sich den widrigen Umständen zum Trotz weiter, stets unter der schützenden Herrschaft unserer Seraphengebieter.
Unsere Haut wurde blasser, und der unebene, von scharfkantigen Bruchstücken übersäte Boden ließ unsere Füße zu Klauen werden. Unsere Fingernägel wurden zu Krallen, damit keiner aus unserem Volk je wieder unbewaffnet sein würde. Obwohl es nicht einfach war, diese Veränderungen unserer Körper hinzunehmen, waren sie nun einmal überlebensnotwendig. Im Laufe der Zeit entwickelten wir einen Stolz auf unsere stärkeren, grimmigeren Gestalten. Unser Land wurde zu Asmodae und wir selbst zu Asmodiern.
Mein Sohn Phalaris wurde alt und starb, und danach seine Kinder und schließlich seine Kindeskinder. So ist das Leben eines Daeva.


