Unter den empyrianischen Gebietern gab es eine Leuchtgestalt, die am häufigsten mit uns kommunizierte, ein herrliches Wesen namens Ariel. An einem ihrer ersten Abende in Atreia stieg Ariel vom Turm der Ewigkeit herab und gesellte sich zu uns ans Lagerfeuer. Sie war geduldig und einfühlsam, und sie gab uns genau die Antworten, die wir uns erhofften. Die Balaur würden es trotz all ihrer fürchterlichen Macht nicht wagen, die Grenzen des Ätherfeldes zu überschreiten. Zum ersten Mal seit unzähligen Jahren waren wir in Sicherheit. Wir besitzen immer noch die in Stein gehauene Darstellung dieser Szene, auf der diese wundervolle Frauenfigur mit ausgebreiteten Armen vor uns stand, während wir Tränen der Freude und Erleichterung vergossen, weil es nach vielen, vielen Jahren endlich wieder einen Grund zum Feiern gab.
Ich berichte Euch von Ariel, denn sie war die Erste, die die Weisheit von Lord Israphels überraschendem Vorschlag erkannte, dass unsere einzige Hoffnung auf ein Ende des Krieges in Friedensverhandlungen bestand. Sie besaß die Voraussicht und Erkenntnis, zu wissen, dass wir selbst für einen unwahrscheinlichen Sieg einen Preis zahlen müssten, den wir alle bitter bereuen würden. Sie war mutig genug, sich den anderen empyrianischen Gebietern entgegenzustellen und ihre unersättliche Kriegslust als hohles und eitles Machtgebahren zu entlarven.
Sie schloss sich Israphels Meinung an, dass wir, wenn wir nach tausend Jahren noch immer in denselben Krieg verstrickt waren, keinerlei Garantie besaßen, dass er nicht auch noch nach zwei-, drei- oder zehntausend Jahren wüten würde. Genau wie zuvor Israphel hatte Ariel erkannt, dass wir durch ein Weiterführen dieses erschöpfenden Krieges Gefahr liefen, mehr als nur zahlenmäßig dezimiert zu werden. Wir drohten, jene Eigenschaft zu verlieren, die uns über die Balaur und all die anderen brutalen Bestien unserer Welt erhob: unsere Menschlichkeit. Es war allgemein bekannt, das Israphel die Balaur mehr hasste als alles andere. Wenn er seinen Hass und seine Verachtung zugunsten des Friedens überwinden konnte, dann konnten - dann mussten - wir alle es ihm gleichtun.
Es gibt zwar keine Aufzeichnungen darüber, wie die Diskussionen der empyrianischen Gebieter über Israphels Antrag im Einzelnen verliefen, jedoch ist bekannt, dass sich zwischen Ariel und den eher kriegerisch gesinnten Gebietern eine klare Front bildete. Der Beschluss, einen Frieden anzustreben, wurde abgelehnt und zum ersten Mal zeigten sich Risse in der bis dahin so geschlossen auftretenden Gemeinschaft der Menschen.
Doch die Kriegstreiber und Ruhmessüchtigen mochten zetern und schreien, so viel sie wollten, die Autorität von Israphel und Siel als Wächter des Turms konnten sie nicht anzweifeln. Lady Ariel und die vier heiligen Gebieter auf ihrer Seite stritten Stunde um Stunde, doch es war Lady Siels Zustimmung, die den Ausschlag gab und den Beschluss herbeiführte. Die Wächter hatten entschieden: Es würde Frieden geben.
Wir jubilierten. Und war das nicht auch zu erwarten gewesen? Die unmäßige Wut, mit der Lord Azphel und seine Handlanger auf die Entscheidung für Frieden reagierten, war nichts weiter als das hysterische Zorngeschrei von Kindern, die ihren Willen nicht bekamen. Als seine Anhänger in die kalte Nacht hinausstürmten, zweifelte niemand daran, dass sie wiederkehren würden, nachdem ihre Wut sich etwas abgekühlt hatte. Es war klar, welcher Pfad nun vor uns lag, und keiner würde es wagen, dagegen zu rebellieren.
Ariel und ihre Getreuen stimmten Lob- und Dankesgesänge auf Aion an, und zum ersten Mal seit unzähligen Jahrhunderten wagten wir wieder zu hoffen.


